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Das Generalabonnement muss doch kaputt zu kriegen sein!

In der Informatik gibt es den schönen Spruch "ändere nie ein funktionierendes System (never change a running system)", welcher in einem Satz zusammenfasst, was Generationen von Programmierern und Computerbenutzern auf die ärgerliche Tour lern(t)en. Jeder Wechsel eines Programms - und sei es nur zum Einspielen von Fehlerbehebungen - birgt immer das Risiko, dass dabei etwas schief läuft und ein Haufen Ärger ansteht, um zumindest die ursprüngliche Funktionalität wiederherzustellen.

Das Motto der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) scheint eher dem Titel zu entsprechen. Nach zwei erfolglosen Versuchen zur Einführung eines elektronischen Billets (siehe auch EasyRide die Zweite - ein Nachruf auf den öffentlichen Verkehr), welche an technischen und finanziellen Problemen und nicht zuletzt an mangelnder Akzeptanz scheiterten, steht jetzt der dritte Anlauf an. Das Generalabonnement (GA) und das Halbtaxabonnement (Halbtax) sollen ab August 2015 nur noch im Abonnement auf einer elektronischen Chipkarte namens "Swiss Pass" zu haben sein.

Rückblick

Die Mehrheit der GA-Kunden kaufte sich bisher ein Jahres-GA und ersetzte dieses bei Bedarf. Eine Minderheit entschied sich für ein Monats-GA im Abonnement mit dreimonatiger Mindestlaufzeit und automatischer Verlängerung, allerdings zu einem höheren Preis. In beiden Fällen erhielt der GA-Kunde einen schwer zu fälschenden Ausweis im Kreditkartenformat. Alle wichtigen Daten (Passphoto, Inhaber, Art, Gültigkeit usw.) sind gut lesbar eingearbeitet und in Sekundenbruchteilen zu kontrollieren. Die freie Wahl des Bezahlmodells und der GA-Nutzung scheint die SBB-Führung aber zu stören, denn dieses kundenfreundliche und bewährte System soll ersetzt werden.

Ausblick

GA und Halbtax soll es also zukünftig nur noch im Abonnement geben, welches sich ohne Kündigung automatisch verlängert. Ich kenne dieses System von der Deutschen Bahn, wo sich eine um wenige Tage verspätete Kündigung mit einem Abonnement für ein weiteres Jahr rächt. Nun soll aber die neue Abokarte die Gültigkeit gar nicht mehr anzeigen. Ohne elektronisches Lesegerät kann weder der Kunde noch ein Mitarbeiter des öffentlichen Verkehrs (ÖV) erkennen, ob das Abonnement gültig ist und für welchen Zeitraum. Die einfache Kontrolle des Nachweises eines gültigen Fahrscheins ist jedoch die Urfunktion der Abokarte. Statt diese einzige Funktion zweckmässig zu erfüllen, soll die neue Abokarte nun elektronisch auslesbar sein, um weitere Daten des Kunden zu speichern.

Konsequenzen

Die neue Abokarte ist intransparent und teuer. Ihre Einführung benötigt erhebliche Investitionen in die elektronische Aufrüstung der Mitarbeiter bei allen ÖV-Unternehmen, ohne jedoch deren Kontrollaufwand zu senken. Die notwendigerweise elektronische Kontrolle der Kunden überlässt den Transportunternehmen Bewegungsprofile der Fahrgäste. Aussagen der Transportunternehmen bezüglich Nichtauswertung dieser Daten verbuche ich als Märchen, denn in Zeiten von Big Data und Profitgier werden verfügbare Daten genutzt. Nicht zuletzt werden sich Behörden dafür interessieren, was in null-komma-nichts zu einer Speicherpflicht für derlei Daten mutiert.

Die neue Abokarte ist ein Zwischenschritt zum elektronischen Billet mit vollautomatischer Erfassung der Kundenbewegungen. Dieser Schritt soll Kunden mit der Möglichkeit versüsst werden, Zusatzfunktionen auf die Karte zu laden, um die Anzahl an Plastikkarten in der Brieftasche zu reduzieren. Um ihre Mehrfachfunktion bereitzustellen, sollte die Abokarte fälschungssicher wie eine Identitätskarte und sicher wie eine Bankkarte sein. Sie muss maximale Sicherheit bieten trotz der Notwendigkeit, jederzeit Funktionen hinzufügen und entfernen zu können. Diese Anforderungen führen zu komplizierten und deswegen fehleranfälligen Lösungen, also dem Gegenteil von sicher und günstig. Selbst Bankkarten mit nicht veränderbarer Einzelfunktion haben sich in der Vergangenheit schon als unzuverlässig herausgestellt.

Die Idee von einer Karte für alles geisterte schon während meines Studiums in den Neunzigerjahren herum. Sie hat sich nie durchgesetzt, weil sich Herausgeber und Nutzer von Kundenkarten von Dritten ungern in die Karten gucken lassen. Aufgedruckte Daten auf den Kundenkarten sind so nützlich, dass deren Fehlen ein entscheidender Nachteil ist. Ausserdem üben Karten für alles geradezu magische Anziehungskräfte auf Kriminelle aus. Ich sehe sie schon vor mir, korrekt gekleidete Scheinkontrolleure, welche gemütlich einen Bahnwagen voller Passagiere um die Inhalte ihrer Abokarten betrügen, während die echten Kontrolleure sich zwei Wagen weiter mit einem Fahrgast ohne gültigem Fahrschein abmühen. Wahrlich ein Schelm, wer Böses denkt.

Fazit | Seldwyla lässt grüssen.


Nachtrag | Die rote Farbe und der Name der Abokarte spielen auf den Schweizer Pass an.

Der Name "Swiss Pass ist natürlich englisch. Wo kämen wir mit unseren vier Landessprachen auch hin?

In den USA ist es seit langem üblich, den Führerschein anstelle eines Passes zu verwenden. Sollen wir auf solche Unsitten eingestellt werden, um die Schweiz in 20-30 Jahren geräuschlos aufzulösen und restlos ins Imperium zu integrieren?

Posted by Marcel Leutenegger on Sunday 3 May 2015 at 8:26