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Luftangriff auf Munitionslager in Sana'a, Jemen

Saudiarabien bombardierte am Stadtrand von Jemen's Hauptstadt Sana'a mehrfach militärische Anlagen. Am 11. Mai 2015 wurden über Sana'a erneut Luftangriffe auf Ziele am Stadtrand geflogen. Ein Munitionslager wurde getroffen und brannte aus. Ein weiterer Angriff galt einem Bunker, welcher laut Medienberichten eine Scud-Raketenfabrik und/oder ein Munitionslager beherbergte.

Aufgrund der ausserordentlich heftigen Detonation sowie des ungewöhnlichen Feuerballs wurde spekuliert, ob eine taktische Atombombe zum Einsatz kam. Taktische Atombomben sind für den Einsatz im Gefecht gebaut und entwickeln eine Sprengkraft von etwa 0.3kt bis etwa 100kt TNT. Eine 0.3kt Detonation könnte man einerseits durch gleichzeitge Zündung von 300t TNT simulieren. Andererseits entspricht 100kt Sprengkraft schon sieben Hiroshima-Bomben - mehr als genug um eine Millionenstadt wie London einzuäschern.

Youtube fördert etliche Augenzeugenvideos zu Tage, von denen ich die folgenden Zwei auswerte:

  1. Israeli / Saudi Arabia Tactical Nuclear Strike on Yemen
  2. Confirmed - Israeli - Saudi Arabia Tactical Nuclear Strike on Yemen

Aus diesen Videos habe ich mir eine Reihe von Einzelbildern bereitgelegt. Da das Blog keine Skripte zulässt, sind die Einzelbilder besser auf einer eigenen Seite durchzusehen.

Stimmen die Spekulationen bezüglich eines Atombombeneinsatzes?

Um diese Frage zu beantworten, untersuche ich nachfolgend den räumlichen und zeitlichen Verlauf der Detonation, denn die Ausdehnung des Feuerballs zeigt ungefähr an, wieviel Energie freigesetzt wurde, und die Heftigkeit der Schockwelle (Schalldruck + Wind) geben Hinweise auf den zeitlichen Verlauf der Hauptdetonation. Je schneller diese abläuft, desto heftiger fällt bei gleicher Energie die Schockwelle aus.

Voll entwickelter Rauchpilz mit stark nachleuchtendem Stamm.

Das erste Video bietet sich zum Einstieg an, da es über den ganzen Zeitraum des Angriffs eine gute Dokumentation des Ablaufs der Ereignisse liefert. Basierend auf diesem Video machte ich mir zu den wichtigsten Ereignissen Notizen:

Zeit   Beobachtung Anmerkungen
0:10 Roter Lichtschein Einschlag einer Luft-zu-Boden-Rakete?
0:11 Gelber Feuerball  
0:13 Feuerball erlischt  
0:16 Weisser Feuerball Detonation der Fabrik / Munition?
0:17 3-4x breiter; 5-7x höher  
0:23 Maximale Helligkeit erreicht  
0:24 Maximale Ausdehnung
Erste Sekundärdetonationen
 
0:25 Hunderte Sekundärdetonationen in Randzone    
0:26 Eintreffen Schall Detonation Einschlag der Rakete?
0:28 Letzte Sekundärdetonationen
Eintreffen Schall Detonation
Detonation der Rakete?
0:29 Eintreffen der Hauptschallwelle Etwa 13s seit Hauptdetonation: 4.3km Distanz
0:30 Entstehung dunkler Rauchpilz Während 14s kaum dunkle Rauchentwicklung!
0:33 Festkörper erreichen maximale Flughöhe  
0:34 Geschlossener Rauchpilz  
0:35 Nachleuchtender Stamm  
0:38 Eintreffen der Hauptdruckwelle Etwa 22s seit Hauptdetonation: 700km/h
0:51 Ende des Nachleuchtens  
0:59 Voll entwickelter Rauchpilz  
  • Lange anhaltender rötlicher Lichtschein um die Detonationsfeuerbälle; jedoch gelb-oranger Saum um das durchgehend weiss brennende Objekt.
  • Der Stamm ist gebogen mit Ausnahme einer rosa "Lanze", welche aus dem Rauchpilz zu regnen/rieseln scheint.
  • Die hochgeschleuderte Munition(?) zündet erst 9-12s nach der Hauptdetonation.
    • Munition aus dem Depot muss auf mindestens 200m Höhe geschleudert werden, um nach 12s knapp über dem Boden zu detonieren.
    • Um nach 12s in relativer Ruhe zu detonieren, muss die Höhe mindestens 700m betragen.
    • Um nach 12s in steigender Bahn zu detonieren, muss die Flughöhe über 750m betragen.
  • Der weisse Kern des Feuerballs hat folglich einen Durchmesser von etwa 300m.
  • Die gelbe Randzone des Feuerballs hat einen Durchmesser von etwa 500m.

Aufgrund der zeitlichen Entwicklung schliesse ich eine konventionelle Atombombe aus, da diese ihre Energie viel schneller freisetzen würde. Allerdings ist der Ablauf für eine Munitionsdetonation auch sehr ungewöhnlich. Die lange Dauer des Feuerballs ist ein Indiz für hochenergetische Prozesse, welche während mehr als 15s Unmengen an Energie freisetzten.

Sehen wir hier den Einsatz eines neuartigen thermitischen Bunkerbrechers?
Oder stammt der ausdauernde Feuerball von brennendem Raketentreibstoff?

Zum Vergleich schaute ich mir ein paar Detonationen und Explosionen an:

  1. 50t TNT Wirkungstest: Rauch entwickelt sich binnen weniger Sekunden nach der Detonation (das Video scheint mir verlangsamt zu sein).
  2. 100t TNT Testsprengung: Rauch entwickelt sich schon eine Sekunde nach der Detonation und ist nach 5-6s voll ausgeprägt.
  3. 500t TNT Wirkungstest: Die Detonation reisst eine grosse Menge Erdreich mit sich, so dass der Feuerball horizontal nur kurz zu sehen ist. Von oben betrachtet vergehen etwa 5s, bis der Feuerball sich in Rauch hüllt.
  4. Explosion einer Gastankstelle (17:18): Der Feuerball sieht ziemlich ähnlich aus. Erdgas hinterlässt aber wesentlich weniger Russ. Der Rauchpilz ist ausgesprochen kurzlebig.
  5. Explosionen bei Raketenunfällen: Raketen zerplatzen vergleichsweise langsam, da ihr Treibstoff erst mit dem Oxidator gemischt werden muss, um zu verbrennen.

Anhand der Vergleichsvideos schätze ich die in Sana'a freigesetzte Energiemenge auf 200-300t TNT. Das wäre also am untersten Ende einer taktischen Atombombe anzusiedeln. Im Gegensatz zu einer konventionellen Bombe wird diese Energie langsamer freigesetzt. Bei den drei TNT-Detonationen ist eine ausgeprägte Schockwelle zu sehen, welche in Sana'a so nicht zu beobachten war. Es beginnt mit einer relativ kleinen aber hellen Detonation, geht in eine sehr helle Explosion über und endet als schnelle Verbrennung.

Nach der Detonation flogen noch lange Zeit Scud-Raketen in alle Richtungen davon. Das Munitionslager konnte also nicht vollständig zerstört worden sein, sonst wären die Raketen in der Hauptdetonation vernichtet worden. Das passt auch nicht so richtig ins Schema.

Konnten wir einen Test einer neuartigen Waffe beobachten?

Vielleicht, aber schauen wir doch erstmal, wo die Augenzeugen standen und wo genau die Detonation sich ereignete. Anhand dieser Information wäre die Grösse des Feuerballs genauer bestimmbar.

Im ersten Video ist im Hintergrund eine Bergkette zu sehen. Ich schaute mir die Karte von Sana'a und Umgebung an und stellte fest, dass aus dem Stadtzentrum nur der Bergkamm nordöstlich in Frage kommt. Die Vogelperspektive aus ein paar hundert Meter über der Stadt sieht schon mal wie gewünscht aus. Als nächstes versuchte ich, einzelne markante Punkte auf der Karte zu finden. Gleich zu Beginn des Videos sticht ein auffälliges Gebäude A mit Türmchen auf dem Flachdach in Auge.

Ein rötlicher Schein am Horizont zeigt einen Raketentreffer an.

Dieses Gebäude konnte ich auf Satellitenbildern auf der Koordinate 15°20'02.8"N 44°12'52.4"E ausmachen. Der Brand ist höchstwahrscheinlich in der Nähe von Anlagen ausserhalb der Stadt zu finden. Ein heisser Kandidat ist das Regierungsgelände B auf 15°20'25.2"N 44°13'52.4"E. Der Ort der analysierten Detonation ist hinter einer Erhebung versteckt. Das könnte für das Regierungsgelände C auf 15°21'12.5"N 44°14'29.0"E zutreffen. Der 1. Augenzeuge konnte über das Gebäude A den Bergkamm etwas südlich einer Erhebung sehen. Andererseits war seine Sicht auf C von einem Hügel kurz vor C behindert. Diese Merkmale treffen im Bereich der Kreuzung A1 mit Ring Rd zu.

Hunderte kleine Explosionen rund um den Feuerball.

Um die Position des Zeugen weiter einzupeilen, suchte ich nach weiteren Gebäuden und wurde mit dem Mövenpick-Hotel D auf 15°21'42.9"N+44°13'55.7"E fündig. Die relativen Sichtwinkel zwischen A, B, C und D sowie der geschätzten Distanz von etwa 4.3km zum Detonationsort C lokalisieren den 1. Augenzeugen zufriedenstellend genau bei ungefähr 15°20'06.9"N 44°12'19.4"E.

Umgebungskarte

Im zweiten Video findet sich erst gegen Ende eine gute Übersicht der Szenerie. Im folgenden Bild fällt links das Hotel D auf und etwas rechts haltend ein grosses Gebäude E. Das Gebäude ist in gerader Linie über einen freien Platz mit Bäumen und zwei niedrigen und flachen Hallen sichtbar. Der 2. Augenzeuge befand sich am Rande des Platzes auf einem Gebäude ungefähr 2.0km vom Detonationsort C entfernt.

Frontalansicht des voll entwickelten Rauchpilzes.

Eine Suche auf der Karte nach passenden Orten führt zur Position 15°21'42.0"N 44°13'26.5"E. Das Gebäude E ist mit grosser Wahrscheinlichkeit das mehrstöckige Wohngebäude auf 15°21'34.7"N 44°13'36.4"E. Eine Prüfung der Sichtwinkel zwischen C, D und E sowie der Distanz zu C fällt sehr zufriedenstellend aus. Die Szenerie im Hintergrund etwas südlich von C passt ebenfalls mit der Karte und Satellitenphotos überein.

Detonation der Rakete nach dem Einschlag.

Aus den jetzt bekannten Positionen lässt sich anhand der Bilder die Grösse der Feuerbälle recht genau ausmessen. Obiges Bild zeigt ein grösseres Wohngebäude im Vordergrund, welches sich auf der Karte in einer Distanz von etwa 700m vom 2. Augenzeugen befindet. Die Detonation der Bombe im Hintergrund produzierte somit einen 60m durchmessenden Feuerball. Das ist heftig aber mit konventionellen oder thermobarischen Waffen mittlerweile Standard. Schauen wir uns die Hauptdetonation an:

Schockwelle der Hauptdetonation.

Der Feuerball erreicht etwa 280m Durchmesser. Das Bild ist nur kurz überbelichtet, dann zeigt sich der Feuerball in voller Grösse mit rund 500m Durchmesser. Da fiel meine erste Schätzung sogar erfreulich genau aus. Im ersten Video kann man jetzt auch die Grösse der Rauchsäule und des -pilzes genauer einschätzen. Der Pilz wächst binnen weniger als 60s zu einer stattlichen Höhe von etwa 1.5km heran.

Voll ausgebildeter Rauchpilz von etwa 1.5km Höhe.

Schlussbemerkungen

Die Detonation / Explosion in Sana'a war sehr energiereich aber vergleichsweise langsam. Ich bleibe bei meiner ersten Einschätzung von 200-300t TNT Energie. Auffällig und nicht wirklich beantwortet ist die Frage, welche Waffen in welcher Menge und mit welcher Energie dazu beitrugen.

Dieser Angriff war vermutlich auch eine Machtdemonstration von und für Personen, welche sich vor ihrem eigenen Schatten fürchten. (Der Furchtlose braucht sich nicht zu beweisen.)

Posted by Marcel Leutenegger on Sunday 28 June 2015 at 16:28