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Nachhaltige Gesellschaft

Nahaufnahmen des 11. Septembers 2001

Wer die Vergangenheit nicht kennt, irrt blind umher und hat keine Ahnung von der Zukunft. Deshalb heute ein paar hochinteressante Videos und Ansichten zu den Anschlägen in den Staaten am 11. September 2001. Nehmen Sie sich die Zeit. Schauen und hören Sie sehr genau hin - sehr gerne ohne meine Kommentare zu lesen. Es lohnt sich.

Zum Einstieg ein Augenzeugenvideo aus 450m Entfernung. Wie für Amateurvideos üblich wurde ohne Stativ gefilmt, ebenso ging zwischenzeitlich der Akku zur Neige, wodurch die Ereignisse leider nicht durchgängig dokumentiert sind. Zusätzlich sind vermutlich Teile herausgeschnitten. Trotzdem, das Wichtigste ist auf Video gebannt: ab 7:52 blitzt die Fassade 10-20 Stockwerke unterhalb des Einschlags mehrfach auf. Selbiges liess sich bei allen Gebäuden beobachten, wobei kurz vor und während der Einstürze die Blitze ein wahres Feuerwerk zeigten. Die Quellen lagen in den Gebäuden. Aufgrund der Regelmässigkeit sind Explosionen von Kerosin-Luft-Gemischen extrem unwahrscheinlich. Ergo: Detonationen von Sprengladungen.

Im folgenden ein Vortrag von Susan Lindauer über die Vorgeschichte zum Irakkrieg und den Anschlägen in New York. Gemäss ihrer Darstellung arbeitete sie für die amerikanischen Geheimdienste DIA und CIA als Nachrichtenübermittlerin ("asset") in geheimen Verhandlungen zwischen den USA und Irak. Anfang 2001 lag ein Rahmenabkommen vor, in welchem Irak den USA vollen Zugriff auf wichtige Infrastruktur im Irak (Grundversorgung, Telekommunikation, Resourcen) sowie volle Kooperation im Sicherheitsbereich zusicherte. Die USA hätten sich in Irak schamlos bereichern können und hätten im Gegenzug nur die Sanktionen gegen das Land aufheben müssen. Es kam bekanntlich anders. Vermutlich waren Selbstbedienung, Frieden und Zusammenarbeit für die neue Regierung unter George W. Bush nicht lukrativ genug.

Zum Schluss eine Zusammenstellung von Kommentaren und Videos des 11. Septembers 2001, welche für mich nur eine Schlussfolgerung zulässt: Der 11. September wurde von höchster Stelle in der US-Regierung und/oder -Administration und/oder -Armee geplant, unterstützt und ausgeführt. Aus diesem Grund gibt es bis heute keine unabhängige offizielle Untersuchung der Anschläge. Somit war der 11. September viel mehr als ein modernes Pearl Harbor. Dieses war ein let it happen, wobei damals vermutlich die Stärke des japanischen Luftangriffs unterschätzt wurde, während der 11. September sich als make it happen erweist.

Fazit | Solange der 11. September 2001 von den USA nicht umfassend untersucht und die tatsächlichen Urheber und Ausführenden vor Gericht gestellt und verurteilt wurden, solange haben die USA keinerlei Vertrauen verdient. Wie die NSA-Aktivitäten zeigen, vertrauen sich die USA selbst auch nicht. Wer die ganze Welt grundlos umfassend ausspioniert beweist, wie es um die eigene geistige Verfassung bestellt ist: miserabel, kriminell, korrupt, machtgeil - um jeden Preis, solange ihn andere bezahlen.

Unsere Eliten begingen und begehen Hochverrat und keinen störts. "Unsere westlichen Werte" sind deshalb nur noch eine schöne Fassade für moralisch und ethisch bis auf die Knochen zerfressene kapitalistische Gesellschaften. Zum Glück findet dieses Verhalten anderswo kaum Nachahmer.

Posted by Marcel Leutenegger at 12:08
Maidan-Proteste - ein zweiter Blick

Vorsicht - dieser Youtube-Beitrag könnte Ihr Bild des Ukrainekonflikts erschüttern.

Kein weiterer Kommentar nötig - die Bilder sprechen für sich.

Posted by Marcel Leutenegger at 20:21
TTIP: Europäische Desintegration, Arbeitslosigkeit und Instabilität

"Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft: Europäische Desintegration, Arbeitslosigkeit und Instabilität" heisst das Arbeitspapier Nr. 14-03 des Global Development and Environment Institute der Tufts-Universität.

Falls die EU-Länder dem TTIP-Abkommen zustimmen, sehe ich verheerende Auswirkungen für den europäischen Arbeits- und Wirtschaftsstandort. Meiner Einschätzung nach dient TTIP Grosskonzernen als Hebel, Staaten vor privaten Schiedsgerichten auf Schadenersatz in Milliardenhöhe zu verklagen, sollten diese "schädliche" Regeln im Arbeitsmarkt oder strengere Regeln für Produkte einführen. Somit läuft TTIP auf eine fast vollständige Entmachtung der Politik hinaus: TTIP ist ein Ermächtigungsgesetz von der und für die Wirtschaft, nichts weiter.

Damit sich hinterher keiner beklagt, niemand hätte ihn/sie über die wahrscheinlichen Auswirkungen korrekt informiert, folgt meine Übersetzung der Kurzfassung von Jeronim Capaldo:

Kurzfassung (Übersetzung: Marcel Leutenegger)

Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten verhandeln zur Zeit eine Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), ein wichtiges Abkommen zur weiteren Verzahnung ihrer Wirtschaftsräume. Wie es für solche Handelsabkommen üblich ist, wurden die TTIP-Verhandlungen von einer Serie von Wirtschaftsstudien begleitet, welche einen wirtschaftlichen Nettozuwachs in allen beteiligten Ländern vorhersagen. In der EU weisen Befürworter auf vier Hauptstudien hin, welche mehrheitlich kleine und erst noch langfristige Profite vorhersagen, wobei der transatlantische Handel den innereuropäischen Handel teilweise ersetzt. Das führt die EU-Komission als hauptsächlichen TTIP-Befürworter in Europa in die Zwickmühle: das vorgeschlagene Abkommen würde eine wirtschaftliche Desintegration in der EU befördern.

TTIP könnte weitere ernste Konsequenzen für die EU und ihre Mitglieder haben. Neue Veröffentlichungen zeigen, dass die TTIP-Hauptstudien keine zuverlässige Grundlage für politische Entscheidungen liefern, weil sie sich stark auf unpassende Wirtschaftsmodelle abstützen. Wir geben eine Einschätzung von TTIP ab, welche auf einem anderen Modell und plausibleren Annahmen bezüglich wirtschaftlicher Anpassungen und Regeln beruht. Wir benutzen hierzu das Gesetzgebungsmodell der vereinten Nationen und simulieren die Folgen von TTIP auf die globale Wirtschaft im Kontext einer andauernden Austeritätspolitik und niedrigem Wachstum besonders in der EU und den USA.

Unsere Ergebnisse unterscheiden sich stark von bisherigen Einschätzungen. Wir stellen fest:

  • Im Vergleich zu einem Szenario ohne TTIP würde TTIP zu einer Nettoabnahme der Exporte binnen zehn Jahren führen. Nordeuropas Wirtschaft würde die grössten Verluste einfahren (-2.07% des BIP), gefolgt von Frankreich (-1.9%), Deutschland (-1.14%) und dem Vereinigten Königreich (-0.95%).
  • TTIP würde zu einem Nettorückgang des BIP führen. Im Einklang mit dem Exportrückgang würde Nordeuropas Wirtschaft die grössten Verluste verbuchen (-0.50%), gefolgt von Frankreich (-0.48%) und Deutschland (-0.29%).
  • TTIP würde zu einem Rückgang der Gehälter führen. Frankreich würde am schwersten getroffen mit einem Rückgang von 5'500€ pro Jahresgehalt, gefolgt von Nordeuropa (-4'800€), dem Vereinigten Königreich (-4'200€) und Deutschland (-3'400€).
  • Durch TTIP gingen Arbeitsplätze verloren. Wir errechneten, dass ungefähr 600'000 Arbeitsplätze in der EU verloren gingen. Nordeuropa wäre am stärksten betroffen (-223'000 Stellen), gefolgt von Deutschland (-134'000 Stellen), Frankreich (-130'000 Stellen) und Südeuropa (-90'000 Stellen).
  • TTIP würde den Anteil der Gehälter am BIP reduzieren und einen Trend verstärken, welcher zur aktuellen Stagnation beiträgt. Im Gegenzug wächst der Anteil von Zinsen und Renten am Gesamteinkommen, was darauf hindeutet, dass eine Verlagerung von Arbeitseinkommen hin zu Kapitalerträgen stattfände. Die grössten Verlagerungen würden im Vereinigten Königreich (7% des BIP), Frankreich (8%), Deutschland und Nordeuropa (4%) erwartet.
  • TTIP würde die Steuererträge reduzieren. Der Überschuss indirekter Steuern wie etwa Umsatz- und Mehrwertsteuer würde im Vergleich zu Zuschüssen und Beihilfen in allen EU-Ländern sinken, wobei Frankreich die grössten Verluste verbuchen würde (0.64% des BIP). Die Haushaltsdefizite würden ansteigen, ebenso ihr Anteil am BIP in allen EU-Ländern, was die öffentlichen Finanzen näher an die Maastricht-Obergrenze rücken würde.
  • TTIP würde zu instabileren Haushalten und einer Anhäufung von Ungleichgewichten führen. Sinkende Exporterlöse, kleinere Anteile der Gehälter am BIP sowie sinkende Steuererträge müssten durch höhere Profite und Investitionen aufgefangen werden. Aufgrund schwächelnder Konjunktur kann aber nicht erwartet werden, zusätzliche Profite im Verkauf zu erzielen. Realistischer ist die Annahme, dass Profite und Investitionen (hauptsächlich in Wertanlagen) durch einen Anstieg der Preise von Wertpapieren erzielt würden. Das Potential makroökonomischer Instabilität dieser Wachstumsstrategie ist bekannt.

Unsere Einschätzung zeigt düstere Aussichten für EU-Entscheidungsträger. Angesichts einer höheren Verwundbarkeit bezüglich Krisen aus den USA und dem Verbot neuer Steuern, würden EU-Politiker nur noch wenige Möglichkeiten zur Wirtschaftsankurbelung offen stehen: Förderung privater Kreditvergabe mit dem Risiko, Finanzkrisen zu befeuern, und ein Wettlauf im Abwerten der eigenen Währungen, oder beides in Kombination.

Wir ziehen zwei allgemeine Schlussfolgerungen. Erstens, wie in Studien kürzlich dargestellt, stellen die vorliegenden Einschätzungen zu TTIP keine vernünftige Grundlage für Reformen des Handelsrechts dar. Stattdessen zeigt sich mit einem anerkannten anderen Modell, dass die Ergebnisse sich drastisch ändern. Zweitens ist ein wachsendes Handelsvolumen keine nachhaltige Wachstumsstrategie für die EU. Im aktuellen Umfeld von Austeritätspolitik, hoher Arbeitslosigkeit und niedrigem Wachstum würde ein höherer Druck auf die Gehälter der Wirtschaft zusätzlichen Schaden zufügen. Unsere Ergebnisse zeigen an, dass jede brauchbare Strategie zur Belebung des Wirtschaftswachstums in Europa grossen Einsatz zur Stützung des Arbeitseinkommens benötigt.

Posted by Marcel Leutenegger at 20:24
Gotthardtunnel: wie der Alpenschutzartikel ausgehebelt wird.

Eine Begrenzung des alpenquerenden Schwerverkehrs wurde durch die Schweizer Bevölkerung per Initiative 1994 in die Verfassung geschrieben und per Gesetz ursprünglich auf 650'000 Lastwagen jährlich festgelegt. Die Schweizer Bevölkerung bekräftigte damit die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene, welche mit dem Bau der neuen Eisenbahn-Basistunnels (NEAT) am Lötschberg/Simplon und am Gotthard/Ceneri eingeleitet wurde. Die Eindämmung des Lastwagenverkehrs im Alpenraum ist fester Bestandteil des demokratischen Auftrags an Parlament und Regierung (siehe z.B. verworfene Avanti-Initiative und angenommene Schwerverkehrsabgabe).

Es ist längst klar, dass dies Teilen der Wirtschaft nicht gefällt. Der Alpenschutzartikel widerspricht nämlich radikal der Wachstumsideologie, welche unsere Gesellschaft zerfrisst. Was dauernd wächst, heisst in der Medizin Krebs. Doch der Krebs Transitverkehr soll und darf nicht mehr weiter wuchern. Das ist zumindest bislang der mehrfach bestätigte Wille der Schweizer Bevölkerung. Trotzdem verschoben Bundesrat und Parlament das Verlagerungsziel in die Zukunft. Die Limite ist längst Makulatur: es verkehren mehr als doppelt soviele Lastwagen wie angestrebt! Im Gegensatz zu früher mit 40t statt 28t Maximalgewicht, was gegenüber 1994 die Kapazität mehr als Verdreifacht.

Der Alpenschutzartikel soll ausgehebelt werden, indem ein zweiter Strassentunnel am Gotthard gebaut wird. Der alte Tunnel muss in absehbarer Zeit komplett saniert werden, was eine Vollsperrung während etwa 13 Monaten erfordert. Wobei die Vollsperrung auf mehrere Sommer aufgeteilt werden kann, so dass der Personenverkehr über den Gotthardpass umgeleitet werden könnte. Bis zur Sanierung steht zudem der Gotthard-Basistunnel zur Verfügung, um die Lastwagen per Bahn zu transportieren. Für einen zweiten Strassentunnel gibt es eigentlich keinen Bedarf. Es sei denn, die auf der Strasse transportierte Gütermenge soll weiter wachsen.

  • Die Befürworter eines zweiten Strassentunnels sagen, ein Autoverlad bräuchte zuviel Platz, welcher nicht verfügbar sei. Sie verschweigen hierbei, dass der Bau eines Tunnels noch mehr Platz für die notwendige Infrastruktur bei den Tunnelportalen benötigt.
  • Gerne verschwiegen wird auch, dass für Bauinfrastruktur und Arbeiten in Portalnähe der alte Tunnel ebenfalls gesperrt werden muss. Insgesamt dauert diese Vollsperrung etwa 4 Monate, also einen statt drei Sommer lang.
  • Die Sicherheit im Gotthardtunnel würde sich durch eine Richtungstrennung erhöhen, wird argumentiert. Das stimmt nur sofern die gleiche Anzahl und Art Fahrzeuge durch die zwei Tunnels fahren, wie heute durch den Einen.
  • Wer aber ernsthaft glaubt, dass eine doppelspurig gebaute Röhre einspurig genutzt werden wird, hat aus der Vergangenheit nichts gelernt. Selbst wenn dem so wäre, wären zwei Röhren eine Einladung, übergrosse 60t-Lastwagen zuzulassen. Diese Gigaliner könnten die Gütermenge bei gleicher Anzahl Fahrten um 50-70% erhöhen.
  • Die künftigen Sanierungen würden mit einem zweiten Strassentunnel günstiger, wird behauptet. Ernsthaft? Zwei statt einen Tunnel sanieren soll günstiger sein? Einen zweiten Tunnel während 30 Jahren beleuchten, überwachen und unterhalten kostet ein Mehrfaches jeder möglichen Einsparung bei der Sanierung. Hierauf addieren sich noch die Baukosten der zweiten Röhre. Wer Geld verheizen will, darf sich gerne am Kamin damit wärmen. Da wäre es besser angelegt.

Fazit | Bevor ich einer zweiten Gotthardröhre zustimme, will ich schwarz auf weiss Leitplanken sehen, welche die Verlagerung von der Strasse auf die Schiene und eine Eindämmung des Güterverkehrs ab Eröffnung des Gotthardbasistunnels umsetzen. Als Fundament dieser Leitplanken ist eine angemessene Transitgebühr zwingend: 1'200 Franken pro Durchfahrt eines 28t-Lastwagens, 2'000 Franken pro Durchfahrt eines 40t-Lastwagens und 3'000 Franken pro Durchfahrt eines 60t-Gigaliners, mindestens, sofern zugelassen.

Eine Erhöhung der Schwerverkehrsabgabe (LSVA) um schlappe 500% würde von der EU nicht goutiert. Da wir uns aber sowieso wegen der Masseneinwanderungsinitiative die bilateralen Verträge mit der EU vergeigen, gewinnen wir auch die Freiheit zurück, die LSVA souverän festzulegen. Apropos Masseneinwanderung: wer zustimmte, sollte jetzt wenigstens genug Arsch in der Hose haben, um per Ecopop-Initiative eine Obergrenze festzulegen. Sonst endet der ganze Mist bloss wieder als jahrelange Gratiswahlkampagne der SVP.

Posted by Marcel Leutenegger at 22:15
Die Geopolitik des 3. Weltkriegs

Zum gestrigen Beitrag aus meiner persönlichen Sicht möchte ich heute dazu einladen, sich auf StormCloudsGathering News (englisch) vertiefte Ansichten zu den Ursachen der US-geführten Konflikte anzusehen. Eine gute Übersicht findet sich in dem jüngsten Beitrag zur Geopolitik des 3. Weltkriegs. Details zu den tatsächlichen Ursachen der Konflikte in Afrika und Arabien finden sich im Beitrag zu den versteckten Gründern von ISIS.

Die wichtigste Aktion zur langfristigen Befriedung ist sehr einfach: keine Waffenexporte mehr. Die Schweiz beschliesst dieser Tage mit Rückendeckung durch das Stimmvolk exakt das Gegenteil. Wer das Waffenexportverbot an der Urne nicht befürwortete, sollte es als höchstpersönliche Pflicht auffassen, diesem unwürdigen Gebahren im Parlament ein Ende zu setzen.

Posted by Marcel Leutenegger at 11:10
Eltern haften für ihre Kinder

und Bürger für 'ihre' Regierung.

Wir erleben gerade, wie sich transatlantische Eliten unter US-Führung alle Mühe geben, den Vorabend des zweiten Weltkriegs neu aufzulegen. Wallstreet und Kriegsmaterialhersteller benötigen neue Absatzmärkte. Irak und Afghanistan waren schon dran. In Syrien hat man nicht so richtig Lust, weil man sich an Iran und Russland die Zähne ausbeisst. Und Europa nervt sowieso nur noch.

Warum also nicht drei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

  1. Verhindern, dass Europa zu einer eigenständigen Regionalmacht wird.
  2. Verhindern, dass Russland mit Europa eine eurasische Wirtschaftsmacht bildet.
  3. Russland aussenpolitisch und wirtschaftlich zurückbinden.

Wie meinte Nuland? "You know, fuck the EU!"

Gesagt, getan - wobei die Tat längst aufgegleist war, als das entblössende Wort fiel. Die USA wünschte, dass sich die EU/NATO die Ukraine einverleibt. Wobei jeder bei klarem Verstand wusste, dass Russland niemals tatenlos zusehen würde, wegen der Krim nicht zusehen konnte. Aber Hauptsache wir haben endlich wieder kalten Krieg. Russland ist wieder der Erzfeind, obwohl - oder gerade weil - Russland sich als einzige Siegermacht vollständig aus Europa zurückzog und die europäische Einheit erst ermöglichte. Westdeutschland ist nach wie vor von den USA, Grossbritannien und Frankreich besetzt, wobei die USA ganz klar die erste Geige spielen. Deshalb kann in Europa nur gegen Russland schweres Geschütz aufgefahren werden. Fair ist das nicht, gerecht schon gar nicht, und selbstmörderisch obendrein. Aber erklär das mal einer 'unseren' Politkaspern...

Solange in der Ukraine der Bürgerkrieg läuft, weil die EU auf US-Befehl meint, eine faschistische Putschregierung mit 200-300 Milliarden Euro* aufpäppeln zu müssen, solange sind die ersten zwei Punkte erledigt. Bei Punkt drei hingegen geht die Rechnung nicht auf: Russlands Führung ist im Gegensatz zu Europas Regierungen souverän, handelt also selbstbestimmt. Von europäischen Sanktionen getrieben, geht Russland mit hoher Geschwindigkeit enge Beziehungen zu China ein. Wir Europäer sollten uns deshalb keine Illusionen machen. Russland wird in Zukunft seine Resourcen mehrheitlich nach Asien verkaufen. Geschieht uns ganz recht. Wäre ich Russe, ich würde mir eine dermassen beleidigende, ungerechte und launische Behandlung von Europa auch nicht bieten lassen.

Falls die EU/NATO** den Bogen komplett überspannt, werden wir den dritten Weltkrieg erleben. Dabei wird zuallererst Europa dem Erdboden gleichgemacht werden. Die USA konnten sich schon in der Vergangenheit aus Kriegshandlungen auf eigenem Grund und Boden heraushalten. Die Waffenproduzenten werden selbstverständlich alle Parteien beliefern. Schliesslich geht im Kapitalismus Profit vor Moral (ja - auch in der Schweiz - und erst noch basisdemokratisch legitimiert).

Weil das mittlerweile eine ganze Menge Leute ähnlich sehen, finden in Deutschland seit Monaten jeden Montag Mahnwachen für den Frieden statt [den unnötig zornigen Mittelteil des verlinkten Artikels einfach überspringen]. Die sind auch bitter nötig.

Seit Wallstreet sich am Irak-Krieg ungestraft den Wanst vollfressen konnte, sind jegliche Schranken gefallen, die nach dem zweiten Weltkrieg durch die Nürnberger Prozesse gezogen wurden. Die US-Regierung beging das schlimmste Verbrechen überhaupt: sie führte einen Angriffskrieg gegen einen Staat, welcher keine Bedrohung darstellte, und begründete diesen Krieg wissentlich mit dreisten Lügen. Dieser Krieg und die Folgen haben mehr als eine Million Tote gefordert. Da dafür bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, ja noch nicht einmal eine Strafuntersuchung stattfand, kann sich die Elite in den USA offensichtlich einfach alles erlauben.

Ach ja, nebenbei lassen sich mit einem europäischen Krieg natürlich auch ganz hervorragend

  1. Konkurrenten um Resourcen reduzieren.

Ein sehr wichtiger Punkt, weil der Frackingboom in den Staaten bald in sich zusammenbrechen wird. Und was wäre da zielführender, als die Bevölkerungen von den Grosskonsumenten zu reduzieren? Ein Europäer verbraucht soviel wie fünf Chinesen oder zehn Inder. Man könnte die USA fast noch für human halten, wenn sie deshalb zuerst europäische Mitesser eliminieren.

Fazit | Aus dem ganzen Sumpf gäbe es durchaus Auswege. Da die verantwortlichen Politkasper ihren Marionettenstatus nicht öffentlich eingestehen wollen, um sich daraus zu befreien, müssten sie noch 2014 entmachtet werden. Anfang 2015 wäre die NATO aufzulösen, indem sämtliche europäischen Staaten austreten. Und bis 2020 wäre unsere Wirtschaft endlich auf eine tragfähige Grundlage zu stellen, so dass sie die notwendigen Güter und Dienstleistungen liefert, ohne dabei unseren Planeten zu ruinieren. Das wird nur funktionieren, wenn der Kapitalismus durch ein wesentlich besseres System ersetzt wird und wenn die Weltbevölkerung langsam schrumpft.


*) So teuer wäre es schon ohne Krieg geworden. Mit Krieg geht noch viel mehr. Mit dem "europäischen Rettungsschirm" ESM steht faktisch die ganze europäische Wohlfahrt auf dem Spiel: 10'000 Milliarden Euro Nettovermögen könnten die Politkasper im Kasino verheizen. Bürger kommt von bürgen, haften. Die EU-Bürger werden dies erneut auf brutalstmögliche Weise am eigenen Leib erfahren, falls sie es nicht schaffen, 'ihre' Regierungen in die Wüste zu jagen und tatsächlichen, demokratischen Einfluss auf die eigene Politik zu erstreiten.

**) Die Schweiz ist leider auch nicht neutral. Die Schweizer Presse ist ähnlich gleichgeschaltet und auf Kravall gebürstet wie die anderen "Westmedien". Die offizielle Schweiz hielt es für angemessen, die russische Kunstflugstaffel auszuladen und die Feierlichkeiten zu den 200-jährigen guten Beziehungen mit Russland abzusagen. Ersteres kann ich insofern verstehen, als die Überflugerlaubnis für die russische Staffel von der EU/NATO kaum erteilt worden wäre. Zweiteres ist ein unentschuldbarer weil völlig unnötiger Affront.

Posted by Marcel Leutenegger at 20:06
Kriegspropaganda aus allen Rohren

Aktuell findet in "unseren" Medien eine unsägliche Kriegshetze gegen Russland statt. Zweck dieser Übung soll sein, dass sich Europa in einen innereuropäischen Krieg gegen Russland treiben lässt, um den USA weiterhin die strategische Vorherrschaft in der Welt zu sichern. Falls sich Europa nicht endlich aus der NATO verabschiedet, werden wir auf unserem Kontinent erneut die desaströsen Folgen von Krieg und Verwüstung zu leben haben. Währenddessen werden die USA sich mit Waffenexporten wirtschaftlich gesund stossen.

Bei der Kriegspropaganda machen Schweizer Medien munter mit. Einen besonders unsäglichen Artikel in bester Propagandamanier druckte die NZZ am Freitag, 25. Juli 2014, unter der Überschrift "Kein Aufschrei in Russland" ab. Der Übertitel "Polemik statt Empathie" fasst die Qualität des Artikels perfekt zusammen.

Erste Regel "Kriegshetze 101" besagt [siehe hierzu Harald Welzer, Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.], dass ein zukünftiger Gegner zuerst entmenschlicht werden muss, um ihn später ausknipsen (lassen) zu können. Der NZZ Artikel setzt diese Regel perfekt um. Indem Russen das Mitgefühl abgesprochen wird, werden diese gleichsam entmenschlicht. Wer selbst kein Mitgefühl für das Leiden anderer Leute entwickelt, ist ein Monster, ergo gefährlich, und sein/ihr Leben ist wenig wert.

Es stimmt, dass in Russland der Aufschrei ausblieb. Dafür gibt es zwei einfache Gründe. Erstens haben Russen vielfach das Interview mit den Separatisten in ganzer Länge gesehen und deshalb überhaupt keinen Grund für Empöreria, da die ungekürzte Version die westliche Deutungsweise schlicht als Lug und Betrug entlarvt. Und zweitens haben viele Russen nur solange genug zu essen, wie sie sich nicht übermässig lange mit hirnloser Politik beschäftigen.

Journalisten und Redaktionen, welche sich in einem Konflikt zur Partei machen, gehörten eigentlich am nächsten Baum aufgeknüpft. Alternativ gibt es für kriegsgeile Politiker und Medienleute eine zweckdienliche Verwendung: ab an die Front. Das Gemetzel dieser Leute untereinander erspart dem friedlichen Teil unserer Welt den Gang nach Kanossa.

Um dem Treiben ein Ende zu setzen, gibt es eine einfache Reaktion. Mit den Füssen abstimmen: Abonnement sofort künden mit Begründung an die Redaktion der Zeitung und die Zeitung am Kiosk gepflegt ignorieren. Und das solange durchziehen, bis sich bei Medien endlich ein Ethos durchsetzt, der Fakten korrekt und objektiv darstellt und grundsätzlich unterbindet, manipulativ (auf Gefühlsebene) die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Dieses Gespräch mit Willy Wimmer auf KenFM möchte ich allen zur Ansicht empfehlen.

Posted by Marcel Leutenegger at 19:48
Fukushima: Das grosse Sterben beginnt.

Die Situation nach der vierfachen Kernreaktorhavarie in Fukushima Daiichi bleibt fragil. Seit Sonntag 6. Juli 2014 ist die Kühlung des fast vollen Lagerbeckens von Reaktor 5 ausser Betrieb, weil ein Leck im Wärmetauscher gefunden wurde. Die Trennung der zwei Kühlkreisläufe blieb intakt, so dass kein Meerwasser zusätzlich kontaminiert wurde. (Das würde wegen der seit drei Jahren andauernden Kontaminierung via verseuchtem Grundwasser kaum mehr ins Gewicht fallen.) Bis zur Reparatur der Beckenkühlung kühlt TEPCO abwechselnd die Brennelemente im Lagerbecken und im Reaktorkern, indem die Reaktorkühlung zeitweilig als Beckenkühlung benutzt wird.

Derweil werden die Folgen der nuklearen Havarien vom März 2011 immer offensichtlicher:

Der Zeitpunkt sowie die ausserordentlichen Folgen sind für mich starke Indizien dafür, dass das atomare Feuer aus Fukushima Alaska und die Westküste Amerikas heimsucht. Viele Massensterben sind zwar wissenschaftlich noch nicht untersucht, aber selbst die stärkste Erwärmung des Pazifiks während eines El-Ninios führte nicht zu derart drastischen Folgen.

Wie steht es um uns Menschen?

Untersuchungen in Tschernobyl ergaben, dass die beta-Strahlung (schnelle Elektronen) bei Pflanzen für 96% der Strahlenschäden verantwortlich war. Insbesondere Blätter und Nadeln wurden durch sie geschädigt, da die schnellen Elektronen ihre Energie innerhalb von wenigen Millimetern im Gewebe abgeben. Dies bedeutet, dass besonders die Haut eine grosse Strahlungsdosis abkriegt, wenn wir wegen einer Reaktorhavarie Radioaktivität ausgesetzt sind. Die Strahlungsdosis durch gamma-Strahlung (energiereiche Photonen) verteilt sich gleichmässiger über alle Organe, da gamma-Strahlung den Körper durchdringt (Grundlage zum Röntgen). Die alpha-Strahlung (schnelle Heliumkerne) hingegen deponiert ihre Energie innerhalb weniger hundertstel Millimeter in der äussersten toten Hautschicht. Alpha-Strahlung wirkt in den Atemwegen und im Körperinneren zerstörerisch, weil dort die Heliumkerne direkt auf lebende Zellen treffen.

Japan | Die medizinische Lage für die Arbeiter und die Bevölkerung in Fukushima verschlechtert sich zunehmend. In der Präfektur Fukushima wurden die Schilddrüsen von 370'000 Kindern unter 18 Jahren untersucht. Gut drei Jahre nach den vier Reaktorhavarien wurde schon bei 50 Kindern Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Trotz Entfernung der Schilddrüsen breiten sich bei einigen operierten Kindern Krebszellen in die Lymphknoten und Lungen aus (Metastasen). Bei weiteren 39 Kindern besteht zudem starker Verdacht auf Schilddrüsenkrebs. Derlei Verdachtsfälle bestätigten sich in der Vergangenheit fast immer.

  • Von 370'000 untersuchten Kindern unter 18 Jahren haben in 40 Monaten bereits 89 Kinder Schilddrüsenkrebs entwickelt. Das entspricht einer Erkrankungsrate von jährlich 72 pro Million Kinder. Da 2011 noch keine Fälle auftraten und 2012 nur wenige, liegt die aktuelle Krebsrate bei etwa 150-200 pro Million Kinder. Diese Rate bedeutet, dass 2-3% der Kinder in Fukushima vor ihrem 20. Geburtstag an Schilddrüsenkrebs erkranken werden.
  • 287'000 Kinder wurden bislang zweimal untersucht, um verdächtige Schilddrüsenbefunde abzuklären. Bei über 48% (2012: 36%) wurden Zysten und Knoten an oder in der Schilddrüse gefunden. Diese sind bei Kindern als Krebsvorstufe zu betrachten. Ich gehe deshalb davon aus, dass von den Kindern der Präfektur Fukushima in ihrem Leben etwa die Hälfte an Schilddrüsenkrebs erkranken wird.

Ein Vergleich mit der langjährigen Krebsstatistik in der Schweiz zeigt die Monströsität dieser Raten. Zwischen 1983 und 2010 erkrankten in der Schweiz jährlich 6-7 Kinder unter 20 Jahren an Schilddrüsenkrebs. Dies entspricht einer Erkrankungsrate von jährlich 4 pro Million Kinder. Die Erkrankungsrate blieb in dieser Altersgruppe nahezu konstant trotz Tschernobyl. Die Erkrankungsrate der Kinder aus Fukushima ist schon 40 bis 50 mal höher und nimmt weiter zu.

Generell gilt, dass die gesundheitlichen Schäden umso krasser sein werden, je länger sich Menschen in verseuchten Gebieten aufhalten. Es kommt daher einem Landesverrat gleich, die Bevölkerung nicht aus verseuchten Gebieten zu evakuieren und sie stattdessen zur Rückkehr und zum Verzehr belasteter Nahrungsmittel aufzufordern.

Nordamerika | Berechnungen und Messungen der Verteilung und Absetzung radioaktiver Stoffe aus Fukushima zeigen, dass mit dem Wind binnen Tagen viel Radioaktivität in die USA gelangte (und immer noch gelangt). Niederschläge wuschen lokal besonders viele radioaktive Stoffe aus der Luft aus und deponierten sie am Boden und in Gewässern. Gemäss dieser Schätzung [Robert C. Soltysik, "Fukushima research" (2012)] starben in den USA aufgrund der radioaktiven Belastung 2011 zwischen 50'000 und 75'000 Personen zusätzlich.

Doch damit nicht genug: Washington verzeichnete 2011 beispielsweise eine rekordhohe Anzahl von Fehlgeburten: 20% mehr als 2010. Fehlgeburten wegen Entwicklungsstörungen traten 60% öfter auf als 2010. Plazentaablösung und andere Gebärmutterprobleme 20% öfter [Libbe HaLevy, Nuclear Hotseat #158, 3:30-4:25 (2014)]. Alle drei Zahlen sind Allzeitrekorde für den Bundesstaat. 2012 normalisierte sich die Anzahl Fehlgeburten auf dem Niveau von 2010, was dem bekannten Verlauf bei radioaktiver Verseuchung durch Fallout von Atombomben entspricht.

Ähnliche Effekte sind in Japan zu erwarten, da das Land ebenfalls sehr viel Fallout abbekam (inklusive der Hauptstadt Tokio). Japan verzeichnete 2011 rund 64'000 zusätzliche Todesfälle. Etwa 20'000 Menschen fielen dem Erdbeben und Tsunami am 11. März 2011 zum Opfer. Unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung verbleiben 20'000 bis 30'000 zusätzliche Todesfälle, welche wahrscheinlich durch die Reaktorhavarien verursacht wurden. Somit verzeichneten 2011 sowohl die USA wie Japan 1-2% zusätzliche Todesfälle wegen Fukushima. Der Geburtenrückgang ist hierbei nur teilweise berücksichtigt, da frühe Fehlgeburten häufig nicht gemeldet werden.

Fazit | Selbst bei vorsichtiger Einschätzung [IPPNW, Gesundheitliche Folgen Fukushima (2013)] muss festgestellt werden, dass die Reaktorhavarien viel verheerender sind als die Tsunamikatastrophe war. Die Situation verschlechtert sich laufend. Es zeichnet sich ab, dass die Folgen Fukushimas diejenigen Tschernobyls übertreffen werden. Zur Erinnerung: der Reaktorhavarie in Tschernobyl fielen bislang rund eine Million Menschen zum Opfer.

Die radioaktive Belastung im und über dem Pazifik ist erheblich und langfristig ungesund. Deshalb rate ich von Reisen im pazifischen Raum ab. Ferner verzichte ich auf Lebensmittel, die in dieser Region produziert wurden. Solange Lebensmittel und Umwelt nicht systematisch, häufig und öffentlich einsehbar auf radioaktive Belastung geprüft werden, ist mir das Risiko einer internen Kontamination zu hoch.

Posted by Marcel Leutenegger at 13:29
Tschernobyl: zusätzliche Krebserkrankungen in der Schweiz

Die nukleare Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom 26. April 1986 verseuchte weite Gebiete Europas mit radioaktiven Stoffen. Die Bevölkerung in stark verseuchten Gebieten in der Ukraine und Weissrussland leidet bis heute an gesundheitlichen Problemen, welche direkt oder indirekt durch die erhöhte Belastung mit ionisierender Strahlung verursacht wird. Die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl wurden in mehreren Studien untersucht [1]. Die Effekte von Radioaktivität in verseuchten Gebieten sind gut vergleichbar mit den Erkenntnissen aus früheren Studien an Überlebenden der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, an Arbeitern in zivilen und militärischen nuklearen Anlagen, sowie an Bewohnern von durch Atombombentests belasteten Gebieten [2,3].

Aufgrund dieser Resultate sind in der Schweiz sind wegen Tschernobyl mehr Krebserkrankungen und -todesfälle sowie ein häufigeres Auftreten von Immunschwäche, vorschneller Erschöpfung, vorzeitiger Alterung und plötzlicher Herzstillstände zu erwarten. Hierfür sind insbesondere über die Atemluft und die Nahrung aufgenommene radioaktive Stoffe ausschlaggebend, da diese im Körper über lange Zeit Zellen schädigen können. Ferner sind von November 1986 bis März 1987 öfter Tot-, Fehl- und Frühgeburten zu erwarten. Diese Folgen wurden jeweils 6 bis 12 Monate nach Atombombentests und nuklearen Unfällen beobachtet. Gemäss diesen Beobachtungen wären in der ersten Hälfte 1987 geborene Kinder im Mittel bei der Geburt leichter, weniger weit entwickelt und würden eine geringere geistige Reife erreichen. Zusätzlich wären gehäuft Missbildungen zu erwarten.

Nachfolgend wird versucht, die zusätzlichen Krebserkrankungen und -todesfälle in der Schweiz aufgrund der radioaktiven Belastung durch Tschernobyl abzuschätzen. Andere Folgen werden nicht weiter diskutiert, obwohl die Auswirkungen für ungeborene Kinder in den ersten Monaten der Schwangerschaft besonders schwerwiegend sein können.

Kantonale Krebsregister erfassen die Krebserkrankungen, welche anschliessend vom Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und Registrierung (NICER) und dem Schweizer Kinderkrebsregister (SKKR) gesammelt und ausgewertet werden (Daten und Methoden). Das Bundesamt für Statistik (BFS) erfasst die Todesursachen sowie die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz und stellt die Krebsstatistiken in Fünfjahresperioden aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Altersklassen, Krebslokalisation und Sprachregion zur Verfügung. Bei einer nur teilweisen Erfassung der Schweizer Bevölkerung durch kantonale Krebsregister werden die Daten auf die gesamte Schweiz hochgerechnet, wobei von einer gleichmässigen Verteilung innerhalb der Schweizer Bevölkerung ausgegangen wird.

Analyse der Krebsentwicklung

Die folgende Einschätzung der Folgen von Tschernobyl basiert auf historischen Daten von 1983 bis 2007 sowie aktuellen Daten von 1986 bis 2010 des BFS und NICER. Die beiliegenden Excel-Tabellen stellen die zeitliche Entwicklung der Krebserkrankungen und Todesfälle nach Geschlecht, Alter, und Lokalisation übersichtlich dar. Die Daten des BFS sind pro Fünfjahresperiode in einem Tabellenblatt übernommen. Die Bevölkerungszahl nach Geschlecht und Alter wird aus der Inzidenzrate und der Anzahl verzeichneter Fälle bestimmt. Ein Tabellenblatt fasst die Bevölkerungsentwicklung zusammen. Das Übersichtsblatt zeigt schliesslich die Entwicklung der Krebsfälle von 1983 bis 2010. Ein Listenelement erlaubt die Auswahl einer Krebslokalisation, indem es den gewählten Text im Datenfeld O1 einträgt.

Die Übersicht zeigt zunächst die Inzidenzraten pro 100'000 Personen aufgeschlüsselt nach Altersklassen in Fünfjahresintervallen. Eine weitere Tabelle fasst die Altersklassen in Kinder von 0-9 Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene von 10-39 Jahren, ältere Erwachsene von 40-69 Jahren sowie von betagten Personen ab 70 Jahren zusammen. Aufgrund der zunehmend älteren Bevölkerung ist eine Entwicklung hin zu insgesamt höheren Inzidenzraten zu erwarten, da ältere Personen mit grösserer Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken. Diese Entwicklung wird geschätzt unter der Annahme, dass die Inzidenzrate bei vergleichbarer Umweltqualität und Lebensführung pro Altersgruppe der Referenzperiode 1983-1987 entspricht. Folglich wird erwartet, dass die Krebserkrankungsrate stetig leicht zunimmt. Darüber hinausgehende Erkrankungen werden als zusätzliche Erkrankungen eingestuft.

Aufgrund des medizinischen Fortschritts in der Krebsbehandlung darf jedoch erwartet werden, dass die Todesfallrate sinkt. Eine stagnierende oder steigende Todesfallrate wird deshalb als ein starkes Indiz für einen schädlichen Umwelteinfluss oder für ein schädliches Verhalten gewertet. Um den medizinischen Fortschritt in der Krebsbehandlung zu berücksichtigen, wird die Anzahl zusätzlicher Todesfälle indirekt bestimmt. Zusätzliche Todesfälle werden somit aus dem Prozentsatz zusätzlicher Erkrankungen bezogen auf die erfassten Erkrankungen mal der erfassten Todesfälle geschätzt. Wenn zum Beispiel 10% zusätzliche Erkrankungen beobachtet werden, werden ebenfalls 10% der erfassten Todesfälle als zusätzliche Todesfälle gewertet.

Auswertung von Krebslokalisationen

Ich wertete die Entwicklung einiger Krebserkrankungen mit dieser Methode aus. Die Resultate stehen als Excel-Tabelle und als PDF-Dokument zur Verfügung. Die zusätzlichen Krebserkrankungen und Todesfälle beinhalten alle Einflüsse auf die Entstehung von Krebs. Um die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zu schätzen, müssten folglich alle anderen Einflüsse herausgerechnet werden, wozu sie ausnahmslos bekannt sein müssten. Für viele Krebslokalisationen ist dies ein aussichtsloses Unterfangen. Deshalb beschränkt sich meine Auswertung auf eine Auswahl weniger Krebslokalisationen und versucht grob einzuordnen, welchen Anteil an den zusätzlichen Erkrankungen und Todesfällen wahrscheinlich von der radioaktiven Belastung durch Tschernobyl verursacht wurden.

Würden pauschal 10% der zusätzlichen Fälle Tschernobyl zugewiesen, ergäben sich in Folge der Reaktorkatastrophe ungefähr 6'400 zusätzliche Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber sowie der Haut. In der Schweiz wären von 1986 bis 2010 ungefähr 1'700 Personen zusätzlich an diesen Krebserkrankungen gestorben. Diese Zahlen liegen weit über den Verlautbarungen und Schätzungen von offizieller Seite wie etwa der Weltgesundheitsorganisation (WHO*). Nachfolgend lege ich pro Krebslokalisation kurz dar, weshalb ich die Folgen Tschernobyls noch weitaus gravierender einschätze.

* Die WHO ist bezüglich Radioaktivität und deren Folgen an die Weisungen der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gebunden. Die Hauptaufgabe der IAEA ist aber die Förderung der Kernenergie und nicht deren Regulierung zum Schutz der Bevölkerung.

Zusätzliche Krebsfälle

Schilddrüse | Die Schilddrüse ist strahlungsempfindlich und Schilddrüsenkrebs ist typisch für eine radioaktive Belastung. Studien wiesen eine signifikante Häufung von Schilddrüsenkrebs mit der radioaktiven Dosis nach, wobei der Krebs mit einer Latenz von 10 bis 20 Jahren entsteht und/oder erkannt wird. Hauptursache für die Zunahme ist in der Schilddrüse angereichertes radioaktives Jod-131, welches während den ersten Wochen nach der Katastrophe in die Schweiz gelangte und während Monaten die Milch verseuchte. Die Strahlenbelastung durch Zahnuntersuchungen ist besonders bei Kindern und Jugendlichen problematisch, aber die Belastung durch Tschernobyl dürfte sehr deutlich überwiegen. Deshalb wies ich Tschernobyl 90% der zusätzlichen Fälle zu. Unklar ist die Ursache für die auffällig hohe Erkrankungsrate bei Männern über 70 vor 1987, weshalb ich ausnahmsweise 1986-1990 als Referenzperiode wählte.

Gehirn und zentrales Nervensystem | Bemerkenswert sind die steigenden Erkrankungs- und Todesfallraten bei über 65-Jährigen. Auffallend ist auch die starke Streuung zwischen einzelnen Fünfjahresperioden, welche zumindest teilweise einer veränderten Klassifizierung von gut- und bösartigen Gehirntumoren geschuldet sein dürfte. Der langfristige Trend zeigt steigende Krebsraten, wobei der Einfluss von stark zunehmender Mobilkommunikation ab 2000 schwer einzuschätzen ist. Ich schätzte Effekte aufgrund veränderter Lebensweise auf 25%.

Prostata | Die systematischere Früherkennung bei 50- bis 70-Jährigen schlägt sich ab 2001 in einer leicht geringeren Erkrankungsrate älterer Männer nieder**. Der medizinische Fortschritt wurde wahrscheinlich durch Tschernobyl übertroffen, weshalb die Todesfallrate erst um die Jahrtausendwende ein Maximum durchschritt. Meine Zuweisung eines Drittels der zusätzlichen Prostatakrebse an Tschernobyl dürfte den tatsächlichen Einfluss der Reaktorkatastrophe unterschätzen.

Brust | Eine etwas bessere Früherkennung bei 50- bis 70-Jährigen sowie eine vermehrte Hormonersatztherapie in den Wechseljahren dürfte mitverantwortlich sein für höhere Erkrankungsraten**. Andererseits nimmt die Todesfallrate zwar stetig aber nur langsam ab. Da das Brustgewebe empfindlich für ionisierende Strahlung ist, wies ich Tschernobyl die Hälfte der zusätzlichen Brustkrebse zu.

Leber | Leberkrebs wurde häufiger verzeichnet, obwohl der Alkoholkonsum stetig rückläufig war. Der gegenläufige Trend zum Alkoholkonsum ist ein starkes Indiz für andere Ursachen. Wegen grosser Unsicherheit bezüglich anderer Faktoren (Medikamente, Suchtmittel, fett- und/oder zuckerreiche Ernährung) wies ich nur die Hälfte der zusätzlichen Leberkrebsfälle Tschernobyl zu.

Hautmelanom | Die Haut ist in ständiger Erneuerung und deshalb strahlungsempfindlich. Eine systematischere Hautkontrolle sowie eine höhere kurzzeitige UV-Exposition (Solarien) dürften hauptsächlich für die stark zunehmende Erkrankungsrate verantwortlich sein. Meine Zuweisung eines Viertels der zusätzlichen Hautmelanome an Tschernobyl dürfte den tatsächlichen Einfluss der Reaktorkatastrophe unterschätzen.

Lunge, Bronchien, Luftröhre | Atemwegskrebs nahm bei Männern ab und bei Frauen zu. In der Hauptsache spiegeln die Erkrankungsraten den veränderten Tabakkonsum, welcher bei Männern rückläufig war und bei Frauen zunahm. Auf eine Abschätzung der Folgen Tschernobyls wird hier verzichtet, da dazu belastbare Zahlen einer Kontrollgruppe mit vergleichbarem Verhalten und gleichwertiger medizinischer Versorgung aber ohne radioaktive Belastung benötigt würden.

** Aktuelle Daten des BFS von 1986-2010 weisen für den Zeitraum 1986-1995 auffallend viele Todesfälle auf. Historische Daten von 1983-2007 zeichnen dagegen eine stetige Entwicklung mit geringeren Raten. Die Todesfälle wurden schon vor 1983 durchgängig in der ganzen Schweiz erhoben und eine Neuzuweisung der Todesfallursache nach ICD-10 anstelle von ICD-8 würde die Todesfälle um 6-7% senken. Das BFS wies jedoch in allen Krebsstatistiken durchgehend die Zuweisung nach ICD-10 aus.

Zeitlicher Verlauf zusätzlicher Krebsfälle

Entwicklung | Viele Krebserkrankungen entstehen erst mit einer mehrjährigen Verzögerung (Latenz). Eine mittlere Latenz von zehn bis zwanzig Jahren ist typisch. Der zeitliche Verlauf der zusätzlichen Krebserkrankungen und Todesfälle liefert deshalb weitere Anhaltspunkte bezüglich möglicher Ursachen. Die Auswertung zeigt zum Beispiel, dass Schilddrüsenkrebs ab etwa 1993 und Leberkrebs erst ab etwa 1996 zunehmen, was Latenzen von 10 bis 15 Jahren entspricht. Die zusätzlichen Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber und der Haut zeigen einen S-förmigen Anstieg mit einer Abflachung um die Jahrtausendwende. Die zusätzlichen Erkrankungen scheinen sich bei total 4'300 bis 4'500 Fälle pro Jahr einzupendeln. Schilddrüsenkrebs, Leberkrebs, Hautmelanome, Gehirntumore und Krebs des zentralen Nervensystems dürften sich weiter häufen, während Prostata- und Brustkrebs inzwischen wieder etwas seltener auftreten.

Die Schätzung der Gesamtzahl zusätzlicher Krebserkrankungen und Todesfälle basiert auf dem zeitlichen Verlauf von 1986 bis 2010. Die zusätzlichen Fälle pro Jahr werden hierzu mit der Anzahl Jahre multipliziert und zusammengezählt. Überlappende Fünfjahresintervalle werden anteilig berücksichtigt. Das erste Intervall 1986-1990 überschneidet sich zum Beispiel während drei Jahren mit dem zweiten Intervall. Diese drei Jahre werden deshalb zu je 50% gezählt, was zusammen mit den zwei eigenständigen Jahren 1986 und 1987 eine gewichtete Dauer von 3.5 Jahren für das erste Intervall ergibt.

Schlussfolgerungen

Ich schätze, dass die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in der Schweiz von 1986 bis 2010 zu ungefähr 24'000 Krebserkrankungen der Schilddrüse, des Gehirns, des zentralen Nervensystems, der Prostata, der Brust, der Leber und der Haut führte und dass daran ungefähr 6'700 Personen starben. Die Krebsraten werden noch für mindestens fünf Jahrzehnte bis zum Ableben der 'Tschernobyl-Generation' deutlich erhöht bleiben. Die Beachtung aller Krebslokalisationen und anderer Folgen dürfte die tatsächliche Opferzahl vervielfachen. Unter Einbezug aller bisherigen und zukünftigen Opfer halte ich insgesamt mehr als 20'000 Tschernobyl-Todesfälle in der Schweiz für wahrscheinlich.

Die Havarie in Tschernobyl ist die bislang folgenschwerste Industriekatastrophe Europas. Die Havarien in Fukushima Daichii dürften Tschernobyl jedoch zukünftig in den Schatten stellen. Eine nukleare Havarie ist in jedem Kernreaktor nachwievor jederzeit möglich. Bei gleicher Havarierate bis 2030 liegt die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Totalschaden eines Kernreaktors in Europa bei ungefähr 60%.

Die Schweiz riskiert ihrerseits eine Havarie mit einer Wahrscheinlichkeit von 3-4% bei einem Weiterbetrieb der fünf Schweizer Kernkraftwerke bis zur politisch beabsichtigten Betriebsdauer von 50 Jahren. Die Folgen einer nuklearen Havarie wären erneut brutal, desaströs und unumkehrbar. Weil die Schweizer Kernkraftwerke in dicht besiedeltem Wohn- und Industriegebiet stehen, ginge die Schweiz an den Folgekosten einer Havarie zwangsläufig bankrott.

Weiterführende Literatur

  1. Alexey V. Yablokov and Vassily B. Nesterenko, Chernobyl: Consequences of the Catastrophe for People and the Environment, Annals of the New York Academy of Sciences 1181 (2009).
  2. Ernest J. Sternglass, Secret Fallout: Low-level radiation from Hiroshima to Three-Mile Island, McGraw-Hill (1981).
  3. Terry Greene, Gretchen Latowsky, Ken Silver, Andrew Einhorn, Carol Rougvie, Cancer and Workers Exposed to Ionizing Radiation: A Review of Research Literature, JSI Center for Environmental Health Studies (2003).
  4. BFS, NICER, Krebs in der Schweiz: Stand und Entwicklung von 1983 bis 2007, Bundesamt für Statistik (2011).
Posted by Marcel Leutenegger at 19:38
Fukushima: Wie nukleare Havarien ein Land zerstören.

Am 11. März 2011 nahm die nukleare Katastrophe in Fukushima Daichii ihren Anfang. Ein Erdbeben der Magnitude 9.0 vor der japanischen Ostküste richtete enorme Schäden an. Viele Stromleitungen wurden beschädigt und Kraftwerke abgeschaltet. In weiten Teilen Japans fiel binnen Sekunden der Strom aus. Entlang der Nordostküste mussten 14 Kernkraftwerke mit Notstromgeneratoren versorgt werden. Von insgesamt 37 Dieselgeneratoren liefen ganze 13 ordnungsgemäss. Im ältesten Reaktor im Kernkraftwerk Fukushima Daichii wurde die Anlage so stark beschädigt, dass die Kühlung des Reaktorkerns nach dem automatischen Abschalten ausfiel. Der Bedienmannschaft wurde schnell klar, dass sie Reaktor 1 verlieren. Währenddessen lief eine gewaltige Welle auf die Küste zu und verursachte 20-30 Minuten nach dem Beben einen verheerenden Tsunami. Der Tsunami machte über weite Küstengebiete alles dem Erdboden gleich, was nicht 10-20 Meter über dem Meeresspiegel lag. Er riss hunderttausende Tonnen Material mit sich - Häuser, Fabriken, Schiffe, Autos, Konsumgüter, Abfälle und Rohstoffe. In Fukushima Daichii überflutete er die Notstromdiesel und zerstörte die Kühlwasserpumpen der Reaktoren 1 bis 4. Zum Glück blieb die Kühlung des zentralen Lagers für Brennelemente und der neusten Reaktoren 5 und 6 intakt, weil diese Anlagen weiter vom Meer entfern gebaut und vor Tsunamis besser geschützt wurden.

In den Folge überhitzten die Reaktorkerne 1 bis 3 und gerieten völlig ausser Kontrolle. Der Reaktor 4 war wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet und nicht unmittelbar betroffen. In mehreren Lagerbecken verdampfte aber viel Wasser, so dass alte Brennelemente zeitweise frei lagen und sich ebenfalls überhitzten. Es kommt zu Knallgasexplosionen, welche die Gebäudehüllen der Reaktoren 1 und 4 zerstörten. Eine weitere Explosion beschädigte den Sicherheitsbehälter des Reaktors 2. Wenig später schleuderte im Lagerbecken des Reaktors 3 eine nukleare Detonation Tonnen von Brennelementen kilometerweit in die Atmosphäre (siehe letzten Abschnitt). Die Detonation zerstörte die Gebäudehülle 3 vollständig und beschädigte das Fundament stark. Die Reaktorkerne 1 bis 3 schmolzen derweil unaufhaltsam. Sie brannten sich durch die Reaktordruckbehälter und zumindest teilweise durch die Sicherheitsbehälter. Aufgrund der massiven Zerstörung und der enormen Strahlenbelastung ist bis heute unklar, wo die Kernschmelzen liegen und in welchem Zustand sie sich befinden. Bestenfalls liegen sie noch innerhalb der Reaktorgebäude auf oder im Betonfundament. Im schlechtesten Fall drangen sie bis ins Grundwasser durch. Das wäre dann das im gleichnamigen Film befürchtete Chinasyndrom.

Die Kernschmelzen, die Knallgasexplosionen und insbesondere die Detonation im Gebäude 3 setzten enorme Mengen an Radioaktivität frei. Der Wind verteilte die meisten Giftstoffe über den Pazifik, so dass Japan trotz der nuklearen Katastrophe bisher mit zwei blauen Augen davonkam. Hoch radioaktive Partikel verdampfter Brennelemente verwehten bis in die USA und weiter nach Europa, wo sie nach etwa einer Woche eintrafen. Die Meeresströmung im Pazifik trägt japanisches Küstenwasser in etwa drei Jahren an die Westküste der USA. Es wird also demnächst radioaktiv verseuchtes Wasser in den USA anlanden. Die seit dem 11. März 2011 anhaltende radioaktive Verseuchung könnte dem schon mit Müll strapazierten Okosystem im Pazifik den Todesstoss versetzen (Segler berichteten von endlosen Müllteppichen und lebloser Stille).

Schiefe Reaktoren von Fukushima | Leider ist das erst der Anfang einer nicht abreissenden Serie schlechter Nachrichten. Während Tschernobyl ein Ende mit Schrecken war, wächst sich Fukushima zu einem Schrecken ohne Ende aus. Die Betreiberfirma Tepco benötigte Monate, um die Reaktorruinen soweit unter Kontrolle zu kriegen, dass überhaupt erst an weitere Arbeiten zu denken war. Der Bau eines Absperrwalls zur Verhinderung einer kontinuierlichen Verseuchung des Pazifiks durch belastetes Grundwasser erweist sich als gefährlicher Fehlschlag. Tepco unterliess es bisher, den Zufluss des Grundwassers zu unterbrechen, weil eine bergseitige Trockenlegung zu teuer sei. Das gestaute Grundwasser schwemmt deshalb den ohnehin destabilisierten Untergrund auf. Die Reaktorgebäude stehen nun auf völlig durchnässtem Grund und sinken immer schneller ein.

Ein weiteres starkes Erdbeben oder ein Absacken des Untergrunds könnte eine Reaktorruine so zerstören, dass die radioaktive Strahlung um den Trümmerhaufen jegliche Arbeit auf dem ganzen Gelände verunmöglicht. Ein mahnendes Beispiel ist die stark strahlende Reaktorruine 3, in deren Nähe keine Arbeiten ausgeführt werden können. Das zur Kühlung der Reaktorruinen verwendete Wasser und zufliessendes Grundwasser wird radioaktiv verseucht, so dass Tepco es in hunderten Wassertanks zu lagern versucht. Jede Woche kommen zwei bis drei Wassertanks mit 1'000 Qubikmeter Inhalt hinzu. Der schnelle Bau der Tanks mindert leider deren Qualität und lässt sie binnen weniger Jahre undicht werden. Kommt es zu einer grösseren Leckage, so fliesst das hochradioaktive Wasser quer über das Reaktorgelände.

Fällt der Zugang zur Anlage wegen eines Einsturzes eines Reaktors oder wegen einer radioaktiven Überschwemmung aus, müssten insgesamt 14'337 Brennelemente sich selbst überlassen werden. Davon wären nur 408 Brennelemente in 9 Castoren sicher eingelagert. In Fukushima Daichi befinden sich weitere 2'200 Tonnen hoch radioaktiver Brennstoff, der aktiv gekühlt werden muss. Dieses unhaltbare Risiko muss endlich entschärft werden! Folgendes ist zu tun:

Atommüll bergen!

Die Brennelemente in den Lagerbecken 1 bis 4 müssen soweit als möglich geborgen werden. Um das Risiko weiter zu mindern, sollten zügig 250 Castoren beschafft und abgekühlte Brennelemente in Trockenlagerung gebracht werden. Angesichts der unsicheren Zukunft der Anlage sollten diese Castoren sofort in ein sicheres Zwischenlager weggebracht werden. Jedes so geborgene Brennelement reduziert die Menge an freisetzbarem Kernbrennstoff, sollte die Anlage unzugänglich werden.

Immerhin schaffte Tepco es, das Lagerbecken 4 zu stabilisieren und einen Ersatzkran zur Umlagerung der Brennelemente zu bauen. Seit Dezember 2013 werden Brennelemente ins zentrale Lager gebracht. Die Umlagerung wird noch das ganze Jahr andauern. Unklar ist zur Zeit, ob alle 1331 Brennelemente geborgen werden können.

Es sollte auch versucht werden, die 292 Brennelemente aus Lagerbecken 1 sowie die 587 Brennelemente aus Lagerbecken 2 zu bergen. Leider ist die radioaktive Strahlung im Arbeitsbereich sehr hoch. In den Reaktorgebäuden steht stark strahlendes Kühlwasser. Zudem ist der Arbeitsbereich auf Reaktor 2 nahe Reaktor 3, der nicht betreten werden kann.

Um das Risiko einer radioaktiven Überschwemmung zu reduzieren, könnten mehrere Supertanker zur Aufnahme des radioaktiven Kühlwassers umgebaut werden. Dadurch könnte das verseuchte Kühlwasser mehrheitlich auf den Schiffen gelagert und gereinigt werden.

Reaktorruinen sichern!

Die Reaktorruinen können nicht in den nächsten 20 Jahren abgebaut werden. Die Strahlung der Kernschmelzen macht es ratsam, diese Arbeiten ins nächste Jahrhundert zu verschieben. Eine Wasserkühlung kann aber auf Dauer nicht betrieben werden. Es wäre einfach verantwortungslos, die Reaktorruinen länger als notwendig im aktuellen Zustand zu belassen. Somit stellen sich bald zwei unbequeme Fragen:

Wie kann die Wasserkühlung abgeschaltet werden, ohne dass erneut grosse Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden?

Die Reaktorruinen einzusargen wird mehrere Jahre dauern. Während des Baus muss die Strahlung aber soweit gesenkt werden, dass die Bauarbeiten ohne zig-tausende Strahlentote ausgeführt werden können. Mit Stahl- und Bleikörner gemischter Sand könnte als Abschirmung herhalten.

Wie kann der Zutritt an Grundwasser und die andauernde Verseuchung des Pazifiks gestoppt werden?

Solange Grundwasser unter den Reaktorruinen durchfliesst, kommt es in Kontakt mit den Kernschmelzen und trägt die radioaktive Fracht ins Meer. Das ist ein gravierendes Problem, dessen dauerhafte Lösung wahrscheinlich warten muss, bis die Ruinen oberirdisch gesichert sind.

Tepco beabsichtigt den Untergrund zu vereisen, indem Kühlrohre im Boden versenkt werden, durch die anschliessend ein Kältemittel gepumpt werden soll. Das Verfahren ist aufwendig und auf Dauer sehr teuer. Tepco will die Eisbarriere zunächst rund um Reaktor 2 testen, wo die grössten Probleme vermutet werden.

Fazit | Die Havarien der Kernkraftwerke Fukushima Daichii 1 bis 4 kommen Japan sehr teuer zu stehen. Ich gehe davon aus, dass der Gesamtschaden jenseits von 1000 Milliarden Euro zu liegen kommt. Zu bezahlen von der evakuierten Bevölkerung (Verlust von Eigentum, Grund und Boden), Bürgern (Steuern), Konzernen (wirtschaftliche Einbussen) und allen Personen weltweit, die aufgrund von in Fukushima freigesetzter Radioaktivität erkranken. Einen solchen Schaden kann auch ein hoch entwickeltes Industrieland wie Japan schwerlich verkraften. Es droht der Staatsbankrott und die japanische Bevölkerung riskiert, an den Folgen der Giftfracht aus Fukushima zu erkranken und vorzeitig zu sterben. In anderen Worten:

Japan steht am Abgrund. Zwischenergebnis bekannt in 100 Jahren.

Empfehlenswerte Links (englisch)


Detonation in Reaktor 3 | Wie es zu dieser Detonation kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Dass es eine nukleare Detonation war, nämlich eine moderierte prompte Kritikalität, scheint mir angesichts der Aufnahmen und der Schäden plausibel.

  • Ein LKW-grosses Teil flog hunderte Meter hoch in die Luft und durchschlug bei der Landung das Dach der Turbinenhalle.
  • Man beachte den Ursprung der Detonation sowie die dunkle und kurzzeitig kugelrunde Trümmerwolke. Fein pulverisiertes und verbranntes Metall sieht schwarz aus. Eine Detonation alter Brennelemente würde eine solche kugelförmige Wolke verursachen.
  • Ferner weisen gemessene Urankonzentrationen in der Luft in Honolulu, Kauai und Guam nach, dass sich in Fukushima dutzende Tonnen Kernbrennstoff verflüchtigten. Dies sind alles klare Indizien für eine nukleare Detonation.

Ich kann Tepcos Erklärung nicht nachvollziehen, dass eine Knallgasdetonation zu einem derartigen Ergebnis führt. Merkwürdig sind einige Filmaufnahmen, welche Tepco später von Brennelementen im Lagerbecken 3 gemacht haben will.

  • Eine Knallgasdetonation unter dem Becken, wie von Tepco behauptet, hätte das Becken von unten nach oben durchschlagen müssen, um das Gebäudedach darüber zu pulverisieren. Auf späteren Luftaufnahmen meine ich jedoch Wasser im Lagerbecken zu erkennen. Folglich blieb der Beckenboden intakt. Warum ist dann aber das Dach darüber komplett zerstört?
  • Weder bei einer Detonation unter noch im Becken wäre zu erwarten, dass Brennelemente säuberlich in ihren Halterungen verbleiben. Tepcos frühe Filmaufnahmen von oben zeigen einen sehr hohen Grad an Zerstörung im Becken. Tepcos spätere Filmaufnahmen von der Seite (tiefer im Becken) zeigen jedoch vergleichsweise intakte Halterungen und Brennelemente.

Insgesamt eine unbefriedigende Informationslage, auch weil sich Tepco in der Vergangenheit als wenig vertrauenswürdig erwies.

Posted by Marcel Leutenegger at 17:14
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